Marco Th. Bosshard

Vom Indianismus zum Indigenismus, Neoindigenismus
– und Postneoindigenismus?
Eine Standortbestimmung Miguel Ildefonsos und Paúl Pumas
innerhalb der zeitgenössischen Lyrik aus Peru und Ecuador

Von Marco Thomas Bosshard

Was hat es damit auf sich, wenn junge Dichter aus den Andenländern im 21. Jahrhundert Gedichte verfassen, in denen (weiterhin/wieder/neuerdings?) dem präkolumbianischen Erbe der indigenen Kulturen gehuldigt wird – so etwa in Pachakamak des Peruaners Miguel Ildefonso oder im Gedichtband des Ecuadorianers Paul Puma, der den Namen des mestizischen Chronisten Felipe Guamán Poma de Ayala zum Titel hat? Ist diese Art von Literatur Spiegel eines gesellschaftlichen Umbruchs, der in Bolivien mit dem ehemaligen Kokabauern Evo Morales den ersten indigenen Präsidenten überhaupt möglich macht?

In Peru hat es Alejandro Toledo den ersten mestizischen Amtsinhaber des Landes gestellt; in Ecuador ist mit Rafael Correa ein Mann an die Macht gekommen, der seine Wahl wesentlich den einflussreichen indigenen Organisationen Movimiento de Unidad Plurinacional Pachakutik und CONAIE (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador) verdankt… Was hat dies mit Literatur zu tun?

Hier hilft ein kurzer Blick in die Literaturgeschichte weiter. Eine der zentralen klassifikatorischen Unterscheidungen ist zunächst diejenige zwischen indianistischer und indigenistischer Literatur. Da lässt sich darüber streiten, wer denn nun den ersten indigenistischen Roman verfasst habe: die Peruanerin Clorinda Matto de Turner mit Aves sin nido (1889) oder aber der Bolivianer Alcides Arguedas mit Raza de bronce (1919)? Stellt man in Rechnung, dass das indianische Mädchen aus Matto de Turners Roman, in die sich der spanischstämmige Held verliebt, in Wirklichkeit dessen Halbschwester ist, so könnte man dies als typische Volte des romantischen lateinamerikanischen Romans deuten, der die ‚Rassenproblematik’ durch ein blanqueamiento, ein ‚Weißmachen‘, zu lösen versucht. Aber häufig ist diese Lösung eine unbefriedigende. So behandelt die romantische Literatur zwar indianische – oftmals also exotische – Themen und mag in Einzelfällen auch die gesellschaftlichen Zustände kritisieren. Im Gegensatz dazu geht die indigenistische Literatur einige entscheidende Schritte weiter: In realistisch-naturalistischer Manier – so etwa bei Alcides Arguedas, Enrique López Albujar, Jorge Icaza, Ciro Alegría etc. – stellt sie das Leben ihrer indigenen Protagonisten dar und verwendet ein narratives Schema, das in der Regel die Schilderung der Ungerechtigkeiten und Unterdrückung, die die indigenen Landarbeiter erleiden, deren Auflehnungen und Revolten und schließlich die Niederschlagung derselben in einem von Militär und Staatsgewalt unterstützen finalen Massaker umfasst. Das Zielpublikum, an das sich die Indigenisten in ihrer mit viel politischem Engagement vorgetragenen Anklage solcher Missstände richten, ist immer ein weißes – es ist identisch mit derjenigen europäisch geprägten Gesellschaftsschicht, die die Politik Perus, Ecuadors und Boliviens noch während fast des gesamten 20. Jahrhunderts bestimmt haben.

Auch der Peruaner José María Arguedas, mit dessen späteren Werken in der Literaturgeschichtsschreibung ungefähr ab den 1960er Jahren der sogenannte Neoindigenismus einsetzt, führt in seinen Romanen diese indigenistische Strategie, d.h. die Vermittlung der indigenen Lebenswelt gegenüber einem weißen Publikum, fort – allerdings literarisch sehr viel ausgereifter als die oft holzschnittartigen und pamphlethaften Texte seiner Vorgänger. Was ihn aber von ihnen noch mehr abhebt, ist die Tatsache, dass er nicht nur auf Spanisch – die Sprache seiner ‚großen’ Romane – schreibt. Seine (im Zusammenhang der Latinale relevante) Lyrik hingegen ist auf Quechua verfasst. Das heißt auch, dass das Zielpublikum hier ein anderes – nämlich indigenes ist. Und so soll betont werden, dass der Großteil der heute in indigenen Sprachen veröffentlichten Literatur scheinbar dieser Tradition folgend ebenso zur Gattung der Lyrik gehört.

Nun schreiben aber die diesjährigen Gäste der Latinale Miguel Ildefonso noch Paul Puma Texte auf Quechua. Man wird das Rad also noch einmal etwas weiterdrehen und probeweise einen Begriff wie ‚Postneoindigenismus‘ einführen müssen, um das zu beschreiben, was noch gar nicht in all seinen Einzelheiten beschrieben werden kann – schließlich haben wir es hier mit Gegenwartsliteratur zu tun, der gegenüber die Literaturgeschichte gemeinhin ihre Lanzen streckt. Beide Dichter leben und arbeiten in einer urbanen Umgebung – in Lima und Quito –, wo sich das Spanische schon lange durchgesetzt hat und das auch die Migranten, die indigenen Neuankömmlinge, annehmen – falls sie das nicht schon lange zuvor getan haben. In den Städten ist von der Diglossie, dem Nebeneinander zweier unterschiedlicher Sprachen in ein und demselben geographischen Raum, der man auf dem Land nach wie vor begegnen kann, kaum etwas zu spüren. Der bikulturelle Einfluss schlägt sich in der urbanen Gegenwartslyrik daher vielmehr thematisch sowie manchmal auch – wie übrigens bereits in José María Arguedas’ spanischsprachigen Prosatexten – in der Syntax nieder. Puma zielt in seiner Dichtung mit Felipe Guamán Poma de Ayala auf denjenigen Chronisten ab, der die indigene Lebenswelt vor und während der Kolonialzeit in Wort (Spanisch und Quechua) und Bild (die Chronik enthält unzählige Illustrationen) mithin am authentischsten festgehalten hat. Ildefonso widmet nicht nur Arguedas ein Gedicht („José María“) , sondern benennt zudem einen seiner wichtigsten Texte nach Pachakamak, dem Weltenschöpfer aus der indigenen Mythologie (wörtlich bedeutet der Name: der, der über die Erde herrscht) – allerdings sollte auch angemerkt werden, dass Pachacamac auch der Name eines Distrikts in der Provinz Lima ist, der entscheidend geprägt ist von der Zuwanderung aus dem indigenen Hochland, im Zuge von Landbesetzungen im Laufe der Jahre immer bevölkerungsreicher geworden ist und sich mittlerweile fast übergangslos an das Stadtgebiet der Metropole anschließt. Beide Dichter halten so in ihren Texten das Bild einer hybriden urbanen Gesellschaft fest – das Bild einer von indigenen und mestizischen Migranten geradezu ‚unterwanderten‘ Stadt, die sich, so wie das Morales, Toledo oder die CONAIE in der Politik getan haben, die ehemals ‚weißen‘ Zentren der (Kolonial-)Macht auf ihre Weise angeeignet haben.

Marco Thomas Bosshard (*Zürich, 1976) unterrichtetLiteraturwissenschaft am Romanischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau. Buchveröffentlichungen: Ästhetik der andinen Avantgarde (Berlin, 2002) und Gesang ohne Landschaft (Zürich, 1998).

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