So etwas wie Universalität

Der letzte Bus der Nacht

“Ich bin Casas’ Gedichten das erste Mal begegnet, als ich EDIT Redakteur war, ich glaube sogar, es war meine erste Nummer. Casas hatte gerade den Seghers-Preis bekommen. Ich war schon beim ersten Lesen begeistert und die Begeisterung ließ auch beim zweiten und dritten nicht nach. Ich fühlte mich unmittelbar gemeint und angesprochen. Als gäbe es doch so etwas wie Universalität. Mir schien, dass da einer von Argentinien aus Weltzeit auf den Punkt bringt. Bitte lesen!”

Jan Kuhlbrodt, Tubuk, 19. Oktober 2010

Fabián Casas
Solaris

… Mitten im Ofen des Sommers,
das saubere, leere und aufgeräumte Haus …
der Kühlschrank springt an und geht wieder aus,
so wie es sein muss … Der Stromkreis unterbrochen,
ein schwarzes Kondom schwimmt im Klo …
… halbverwässerter Whisky …

… Du hast die Riesenspinne getötet,
aber so lange du auch suchst und suchst
ihre Gefährtin taucht nicht auf …
… Und diese Viecher
sind
doch immer
zu zweit unterwegs …

… Barfuß,
schwitzt du dein Hemd im Wohnzimmer durch
und denkst:
Wenn ein Stern Millionen von Jahren braucht, um zu verlöschen,
wenn nach der Großen Ordnung
alles Licht an seinen Ursprung zurückkehrt,
um sich zu töten. Wie lange braucht
eine Familie, um zu verschwinden? Wie
kann man das Davor vom Danach unterscheiden,
das Parasitäre vom Unmittelbaren? Eine Alte
feilt sich die Nägel auf der Straße. Was bedeutet das?

… Und in der U-Bahn lesen wir
verstohlen eine fremde Zeitung mit …

… In dieser lebendigen Nacht
wirken die Gebäude der Vernunft
wie alte Zeitungen … Horror,
vor den fünf Fingern an der Hand, Terror,
weil das Telefon klingelt, Hass
auf abgepackten Flugzeugfraß,
auf kaltblütige Fische, auf Taxifahrer,
die ihre Wagen polieren
wie die nervösen Raben,
die ich einst in Iowa City sah …

… Nicht die freiwillige Erinnerung
sondern die, die nach Stockschlägen
einsetzt … die Straßen von Boedo heraufbeschwört …
Die Lemminge, meine Tanten, die Stimme meiner Mutter,
die unter der Markise im Patio barfuß rauchte …

… Da fährt der letzte erleuchtete Bus der Nacht …
… schiebt sich durch die Hitze der bewohnten Gebäude …
… Auf dem Hotelzimmer klingelt das Telefon,
du musst das Zimmer verlassen …

(Aus dem argentinischen Spanisch von Timo Berger)

Mehr Gedichte von Fabián Casas in “Mitten in der Nacht” (luxbooks, Wiesbaden, 2009).

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