Neues vom Fluss

Der Hafen in Buenos Aires. Foto: Timo Berger

Neues vom Fluss, Junge Literatur aus Argentinien, Uruguay und Paraguay (Lettrétage, Berlin, September 2010)

Neues vom Fluss

Über die Geschichten

Silbern glänzt der Rio de la Plata in der Sonne und macht seinem Namen alle Ehre. Wenn man in Montevideo an seinem Ufer steht, weiß man sofort, warum die Einwohner der uruguayischen Hauptstadt ihn als Meer bezeichnen: Am Horizont ist kein Land in Sicht. An der breitesten Stelle beträgt die Entfernung von Ufer zu Ufer 220 Kilometer. Weiter flussaufwärts liegt Buenos Aires, einst Hauptstadt des Vizekönigreichs des Río de la Plata und Teil des spanischen Imperiums. Die heutigen Staaten Paraguay und Uruguay waren damals Provinzen im Hinterland. Uruguay wurde „La banda oriental“, „die östliche Seite“, genannt, Paraguay bald „Isla rodeada de tierra“, „Insel umgeben von Land“.

„Neues vom Fluss“ ist die Frucht einer Reise, die mich 2009 nach Buenos Aires führte und die erst im 970 Kilometer entfernten Asunción zu Ende ging. Ich habe Literatur gesammelt, den Río de Plata und seine Zuflüsse  Rio Uruguay und Rio Paraná hinauf.

In den vergangenen zehn Jahren durchlitten Argentinien und Uruguay schwere Wirtschafts- und Währungskrisen, Paraguay kämpft bis heute mit struktureller Armut, ein Viertel der Bevölkerung gilt als „extrem arm“. Dennoch haben sich in den Jahren nach der Krise viele neue, junge, rebellische Stimmen Gehör verschafft. Sie schreiben eine unabhängige Literatur, die der Zeit und dem Kontext ihres Landes Ausdruck verschafft. Sie bedienen sich frei und stilsicher unterschiedlicher literarischer Formen – manche Autoren reflektieren auf der Ebene des Textes die Form der Erzählung, schreiben sich also in die Tradition der Metaliteratur ein. Es wird Genreliteratur zitiert, ironisch gebrochen: Die Kriminalerzählung, der Thriller, die Phantastische Geschichte. Elemente des Films und des Fernsehens sowie der Einfluss neuer Medien wie das Internet, aber auch sozialer Netzwerke haben diese Generation spürbar geprägt. Doch neben dem Bekenntnis zur Form sind diesen Autoren auch die Themen wichtig: Von der Aufarbeitung der Militärdiktaturen, über die Darstellung gegenwärtiger sozialer Konflikte bis hin zum Entwurf von Stadtviertelutopien stellen sie sich der politischen Realität ihrer Länder.

Es wundert deshalb nicht, dass die Menschen in diesen Geschichten oft rastlos sind, Getriebene, den Launen der Natur und den Gezeiten ausgeliefert. Pablo Trochons Hauptfigur in „Wellengang“ ist ein junger Mann, der nach dem Tod seiner Mutter die neue Frau an der Seite seines Vaters zuerst nicht akzeptiert und dann eine verhängnisvolle Affäre mit ihr beginnt. Hier ist der Fluss der Fluchtort, aber auch das Refugium, in dem ein Mord geplant wird. Ähnlich in der Gewalt der Natur sind die Männer in Marcelo Silveiras „Tango der Überschwemmung“: Immer wenn es regnet, eigentlich erst, wenn die Überschwemmung zurückgeht, verschwinden auf unheimliche Weise alle Frauen aus dem Stadtviertel. Zurück bleiben verlassene, traurige Männer, die sich mit wahnwitzigen Spielen abzulenken versuchen. Doch ebenso plötzlich, wie sie gegangen sind, kommen die Frauen auch wieder.

Dass Geschlechterverhältnisse nicht immer der rationalen Logik unterliegen, wird auch in „Himmelblauer Jasmin“ von Rodolfo Santullo vorgeführt. Der Mann umhegt seine schwangere Frau wie seine Blumen. Als er sie eines Tages dennoch allein auf die Straße gehen lässt, lauert da prompt ein gerissener Dieb. Der Mann greift zum letzten Mittel, das ihm bleibt, und lässt einen Blumenkübel auf den Kopf des Diebes fallen. Anderen Männern bleibt nicht einmal das, sie werden einfach von ihrem Weibchen aufgefressen wie das Männchen der Schwarzen Witwe. Bei Juan Terranova entwirft der Berufsjugendliche Rosta eine ganze Theorie über „Männer, die in Raubtierkäfige springen“. Doch nichts ist gefährlicher als eine betrogene Geliebte. In „Mörderische Schönheit“ von Carlos Blasco fackelt Romi nicht lange und verfolgt den treulosen Ex-Freund bis in eine Diskothek. Dort stirbt er banal zu den scheppernden Klängen einer Cumbia. Auch Oliverio Coelho nimmt Elemente des Thrillers in „Tod eines zweitrangigen Kritikers“ auf: Min Gyu, ein notorischer Trinker und erfolgsloser Schriftsteller, überfährt eines Nachts eine Gruppe Marathonläufer, darunter sein größten Kritiker. Es stellt sich heraus, dass dieser eine starke geistige Beziehung zu Gyus Frau unterhalten hatte. Die Gesichter der Toten sollen nun ein ums andere Mal Gyu erscheinen und bewegen ihn schließlich dazu, das Schreiben aufzugeben. Auch ein anderer Mann zweifelt an seiner Berufung: In „Der Tätowierer“ erzählt Melissa Bendersky schonungslos, wie ein Tätowierer ein junges Mädchen, das unbedingt das Bild eines Kaninchens auf ihrem Rücken haben möchte, mit der Tätowiernadel zu Tode foltert. Es sind diese Momente, Wendepunkte, die eine Situation, einen Lebensabschnitt zum Kippen bringen. Es sind „unerhörte Begebenheiten“, die uns aus der Routine des Alltags hebeln und uns wie die Protagonisten verstört zurücklassen: Da ist die unbekannte Frau aus Ana María Strahms „Palma“. Sie beschließt eines Tages, nackt die belebte Einkaufsstraße der Innenstadt Asuncións entlangzugehen. Es überrascht nicht, dass sich die Medien sofort um sie reißen und speckige Taxifahrer bis heute von ihr schwärmen. Was sie erreichen wollte, die Aufmerksamkeit eines einzigen Menschen – wahrscheinlich eines ehemaligen Geliebten – zu wecken, gelingt ihr. Kaum flimmert ihre Silhouette über die Bildschirme, klingelt auch schon das Telefon.

Ähnlich provokant auch die Frauen in „I want to be fat“. Cecilia Pavón erzählt mit wenigen Pinselstrichen und dem ihr eigenen trockenen Humor, wie sich eine Gruppe von Freundinnen jeden Freitagabend trifft, um, mit Schaumstoff ausgepolstert, als dicke Frauen auszugehen. Die Umwelt wird gezielt verunsichert, man muss als Leser unwillkürlich an situationistische Happenings denken, wenn man die Frauen auf ihrer Parade durch die Amüsierviertel von Buenos Aires begleitet. Nur kurze Augenblicke können manchmal den Lauf eines Ereignisses vollkommen durcheinanderbringen. In „Die Münze“ schildert Dani Umpi, wie eine Theateraufführung jäh durch ein zu Boden fallendes Geldstück unterbrochen wird und nicht mehr in Gang kommt. Allmählich dämmert dem Protagonisten, wer ihn derart aus der Fassung bringen wollte: Natürlich ein Familienmitglied!

Überhaupt Familien, die eigene oder die selbst gesuchte, die Clique, die Kumpels – nicht immer sind sie ein Hort der Freundschaft und Solidarität. Abgründe finden sich zu Hauf. In „Aus Staub bist du gemacht“ von Javier Viveres erzählt eine sich ahnungslos gebende Mutter von den beruflichen Fortschritten ihres Sohnes. Stolz berichtet sie, dass er für die Hinterbliebenen Leichen fotografiert – dass er sich den Verschiedenen bald auf eine andere Art nähert, versucht sie zu verdrängen, schiebt es im Lauf der Geschichte immer weiter hinaus und gibt es nur im letzten Absatz zu. So löst sich auch in Félix Bruzzone „Das Gewicht des Hasses“ der erzählerische Knoten erst am Ende. Ein Junge erfährt, dass der beste Freund seines verstorbenen Vaters für dessen Tod verantwortlich ist: Er habe den Vater, der wegen einer Guerillaaktion gesucht wurde, an die Militärregierung verraten. Der Vorwurf wiegt schwer, soll sich der Junge rächen? Doch so erdrückend die Situation auch ist, schließlich nimmt sie einen unerwarteten Lauf, und der Junge freundet sich mit dem Freund seines Vaters an. In „Im Westen“ von Cristian De Nápoli kommt es nur zu einer flüchtigen Begegnung der drei Protagonisten: Der von sich selbst eingenommene Erzähler, der australische Undergroundkultstar Nick Cave und ein vorgeblicher brasilianischer Kimbanda-Priester, der sich später als Hochstapler herausstellen soll. Zuvor zieht das Trio tagelang durch ein heruntergekommenes Viertel am äußersten Rande der argentinischen Hauptstadt, Liniers, und praktiziert religiöse Riten aus dem subsaharischen Afrika. Weiter hinaus in die Peripherie wagt sich Juan Incardona: In „Kiezrock“ erleben wir den Aufstieg des jungen Gitarristen Chapa zum ungekrönten König der Rockszene im tristen Südwesten des Großraums von Buenos Aires. Eine rasante Geschichte, die von Jugend, Sex, Drogen und Rock’n’Roll erzählt: einer Gegenkultur zu dem Etablierten und der Welt der Erwachsenen, die auch in „Das Gefasel des melancholischen Rockers“ heraufbeschworen wird. In dem halsbrecherischen Monolog entwickelt der Sänger von „Billiboy und seinen Drugos“ eine handfeste Theorie der Rockkultur.

Überhaupt Utopien und Dystopien: Die Literatur des Rio-de-la-Plata-Raums hatte immer schon einen Hang für die Fantastik. Ezequiel Alemian entwirft in „Paraguay“ ein utopisches Land, das wenig mit dem gleichnamigen Staat gemein hat. Eins ist sicher: Der Ich-Erzähler ist permanent auf der Flucht, verstoßen von einer nicht zu beherrschenden Geografie, dem unwirtlichen Klima und politischen Verwerfungen, bis ihn schließlich ein bislang unbekanntes Fieber befällt. Ramiro Sanchiz’ „Kurze Geschichte der Wirklichkeit (1800 bis 2007)“ erzählt die mythische Gründung einer Modellstadt am Ende der Welt. Doch die Kunde von jenem gesellschaftlichen Experiment erreicht die Menschen in den Metropolen nur als ein literarischer Text, der von den Kritikern als „utopischer Roman“ gepriesen wird. Dennoch gelangen einige versprengte Forscher, die den literarischen Fährten nachspüren, zu den Ruinen der Stadt in der patagonischen Ödnis. Doch mehr als das finden sie nicht, keine Spur von den ehemaligen Bewohnern.

Wenn man sich zurück in der Zeit bewegt, stößt man nicht selten auf Erlebtes, das noch völlig unverarbeitet und roh ist. So in Cristino Bogados „Erinnerungen eines Haschischrauchers“, der auf die kanonischen Texte drogenkonsumierender Literaten anspielt. Auch Cristinos Text funktioniert nicht ohne literarische Verweise und Prä-und Sub-Texte. Doch es gelingt ihm gleichzeitig ein Bild jenes durch die Stroessner-Diktatur (1954 bis 1989) und seine geographische Isoliertheit rückständiges Land zu zeichnen: Aufzuwachsen im Paraguay der späten 1970er- und früher 1980er-Jahre ist ein schwieriges Unterfangen, die Flucht in psychoaktive Substanzen und pubertäre Sexphantasien durchaus nachvollziehbar. Denn – wie Ever Roman  in seiner Chronik schlitzohrig behauptet – „Der Glaube an die Lungen“ war unerschütterlich, und so wurde gequarzt und gekifft, bis der Stoff ausging. Die Seite der Delinquenz, welche die Jugendkultur auch in Paraguay hervorbrachte, beleuchtet Edgar Pou in „Wer auch immer“. Mithilfe eines singenden Masakaraguai gelingt es dem Erzähler in einem über das Pflaster donnernden Bus die Mitreisenden so in Trance zu versetzen, dass er sie unbemerkt ausrauben kann.

Voller Humor ist dagegen Douglas Diegues Erinnerung an „Der Indio Ramírez“, ein paraguayischer Fußballspieler, der dafür berüchtigt war, drittklassig auf dem Platz zu agieren, dafür aber den Mund im Seitenaus umso voller zu nehmen. Diegues ist halb Paraguayer, halb Brasilianer und in Pedro Juan Caballero/Ponta Porã  einem von der Grenze der beiden südamerikanischen Länder geteilten Ort aufgewachsen. Seine Helden sprechen ein hybrides Idiom, das „Portunhol Selbagem“, ein wilder Mix aus Spanisch und Portugiesisch. Die darin schon anklingenden karnevalesken Motive finden bei Fernanda Trías ihre Ausgestaltung. In „Bei uns zuhause“ schildert sie aus der Perspektive eines Mädchens einen Karnevalsumzug und seine ganz eigenen Interpretationen des Geschehens. Die Veränderungen ihres Viertels und eines alten Kinos beschäftigen Carolina Bello in „Das Kino Azahar“ und „Splendor“: In den beiden wunderbar distanzierten Miniaturen gelingt es der Autorin, Situationen und Konstellationen in der pittoresken Altstadt von Montevideo einzufangen. Ausschweifender und popliterarisch schildert die Argentinierin Gabriela Bejerman in „Fata Morgana“ ihren Ausflug an die uruguayische Küste, wo sie mit einem Freund, dessen Freundin und dem Hund der Gastgeber die Ferien verbringt. Die Protagonistin findet sich weniger in dem fremden Umfeld zurecht, der Hund wird zu ihrem einzigen Bezugspunkt und kündet davon, dass sie schon keine Beziehungen mehr zu den Menschen eingehen kann.

Es sind diese Momente, in denen das Gefüge, die flüchtigen Verbindungen der Figuren auseinanderbrechen, welche die jungen Erzähler beschäftigen. In „Die Stimme“ von Diego Recoba verändern sich mit der Inhaftierung des Sängers schlagartig die Hierarchien in einer Band. Ob der Sänger jemals wieder freikommt? Und wie kann er sich wieder in die Band einfügen? Ähnlich ergeht es dem Protagonisten in „Sicherung“ von Matías Capelli. Auf einer Beerdigung trifft er seine Cousine Lara und die beste Freundin seines Lebens, Daniela. Auf der gemeinsamen Rückfahrt im Auto scheint plötzlich alles möglich, wird er mit der einen oder der anderen ins Bett gehen? Auch der Protagonist von „Der Engel von Stroessner“ von Juan Leotta weiß nicht, wie es mit ihm weitergehen soll: Der Auftragskiller flieht vor der Mafia, da er deren Auftrag, einen Handlanger des paraguayischen Diktators aus dem Weg zu räumen, nicht erfüllt. So gerät er selbst auf die Abschussliste, während er sich immer mehr mit seinem eigentlichen Opfer, einem Drogendealer, anfreundet.

Sich verunsichern lassen, Klischees und Stereotype über Bord werfen, das verlangen diese Geschichten auch dem Leser ab. Doch es erwartet ihn nicht weniger als ein spannendes Panorama der neuen Erzählliteratur in Argentinien, Uruguay und Paraguay, und by the way ein Einblick in die Gesellschaften dieser Länder.

Timo Berger, Berlin, im August 2010

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