Die Birke in den Zeiten des Smog in Quito

Rike Bolte schreibt aus Ecuador über die Dichtung der Ausgeschlossenen und ein Treffen der Generationen

Ich bin bei Nilka Pérez, Leiterin des Hauses für Gleichheit und Gerechtigkeit im Valle de los Chillos, nahe Quito, untergekommen und lerne auch deren Vater, den berühmten ecuatorianischen Dichter Raúl Pérez kennen. Pérez, Jahrgang 1941, ist mit Fidel Castro befreundet, und -zig Auszeichnungen, darunter der Premio Casa de las Américas, säumen seinen literarischen Weg. Pérez ist imposant. Unter seinen Texten, in erster Linie Prosa, befindet sich auch Lyrik. Ein Gedicht spricht von einer Birke: “Yo siempre quise tener un abedul./¿Alguien tiene por si acaso/un abedul?” Pérez hat nie eine Birke gesehen, ebenso wenig seine Tochter. Dem Dichter hat das Wort gefallen: “Al menos ella, la palabra,/ Te la ofrezco.” Ich schreibe nach Berlin, wo wir von Birken satt sind. Vor ein paar Tagen nämlich erlebe ich einen Zusammstoss zwischen den Generationen, im Valle de los Chillos, der Vulkanhorizont nimmt sich wie eine Ansichtskarte vom Tal besehen aus. In Quito verhängt der Smog die Sicht darauf. Drei Dichter, in etwa Jahrgänge 1955-1970, sind von Nilka Pérez eingeladen worden und tragen ihre Gedichte vor. Es sind die Wortguerrilleros der ‘Pedrada Zurda’, einer Mitte der Siebziger Jahre entstandenen Pooesiezeitschrift im eigenartigen Format. Auch der Castro dieser Guerilla, Ricardo Torres, ist dabei. Die drei Literaten nennen sich Vertreter einer Dichtung der Ausgeschlossenen. Torres ist zwar ins Französische und Holländische übersetzt, hat an wichtigen Lesungen im Andenraum teilgenommen, wird aber in Ecuador ignoriert. Mehr noch, mancher Text hat ihm die Freiheit geraubt. Torres ist gefoltert worden. Heute verteilt er nach der Herausgabe eines Jubiläumsbandes der Zeitschrift, für die sich kein Geld mehr findet, eine limitierte, von Samuel Tituaña illustrierte Edition seines Gedichtes ‘Quito insepulta’, in den Strassen der ecuatorianischen Hauptstadt. Das Gedicht ist an eine in Vulkanröcke gehüllte ‘Mutter Quito’ gerichtet, die in Smog und Aas versinkt:”(…) madre especial (…), los/ venidos a vivir en tus faldas de volcán,/los gentiles asfixiados, los quiteños: los quitus apestados, rostros desencarnados/del ‘vulcano park’.”

Einst von der UNESCO zu einer ausgezeichnet ‘lebenswürdigen’ Stadt gekürt, hat sich Quito in eine der für die Gesundheit unverträglichsten Städte der Welt gewandelt. Ricardo Torres als Arzt denunziert das und nennt die verantwortliche politische Kaste; von seinen Texten wandern einige aus den Händen der Passanten direkt in den Müll.

Vor ein paar Tagen also treffen der Dichter der Birke (in ihrer Worthaftigkeit) und der Dichter des Smog im Tal der Chillos aufeinander. Die Dichter der ‘Pedrada Zurda’ sind dicht. Sie haben sich beim Vortragen ihrer Texte erst am ecuatorianischen Bier, dann am haitianischen Rum festgehalten. Als der Poet Pérez, von seiner Tochter zu dem Treffen zitiert, das Tal betritt, ist es, als träte der Vulkan Cotopaxi aus der Ansichtskarte des Horizonts. Die geleerten Flaschen rollen klirrend über den Boden, dem Meister zu Füssen. Die Ausgeschlossenen verstummen. Pérez setzt sich. Smog zu Smog. Der Vulkan spricht. Dann hört sich Pérez die Geschichte der ‘Pedrada Zurda’ an: der linke Steinwurf. Ricardo Torres berichtet von den ersten Pflastersteingeschossen gegen ‘chapas’, die ecuatorianischen ‘Bullen’. Pérez wiegt sein Haupt. Die Rumflaschen gähnen. Nach einer kurzen, sehr kurzen Weile, richtet sich der Meister auf und verlässt das Tal Richtung Quito. Wieder hat keiner die Birke gesehen. Ricardo Torres möchte seine Texte jetzt in Berlin vortragen.

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